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Offener Brief der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt e.V. (DGfPIe.V.)

Wenn das Zuhause kein sicherer Ort ist

Wenn das Zuhause kein sicherer Ort ist

Meldungen aus China bestätigen, was Fachberatungsstellen für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt auch in Deutschland befürchten: In der aktuellen Krisensituation mit starken Einschränkungen im öffentlichen Leben steigt die Gefahr für Frauen und Kinder, häusliche und sexualisierte Gewalt zu erfahren. Das eigene Zuhause ist zu oft kein sicherer Ort. Laut einer Pekinger Frauenrechtsorganisation war die Zahl der Betroffenen von häuslicher Gewalt, die sich während der verordneten Quarantäne an die Hilfsorganisation gewandt haben, dreimal so hoch wie zuvor.

Während das Gewaltrisiko steigt, fallen Verletzungen oder Unterstützungsbedarfe von Betroffenen  weniger auf, wenn Betroffene z.B. nicht mehr in die Schule, zur Arbeit oder in den Sportverein gehen.

Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die von Gewalt im direkten sozialen Umfeld betroffen sind, kann die  aktuelle Situation bedeuten, Täter*innen ständig ausgeliefert zu sein.

Die Vernetzungsstellen bff, BKSF, BAG FORSA und DGfPI möchten Betroffene und Bezugspersonen ermutigen, sich Unterstützung bei sexualisierter oder häuslicher Gewalt zu suchen und damit nicht allein zu bleiben. Fachberatungsstellen und andere Hilfseinrichtungen sind auch weiterhin telefonisch und online erreichbar und unterstützen im Einzelfall. Die Vernetzungsstellen und die ihnen angeschlossenen Fachberatungsstellen unterstützen außerdem die Aufrufe für eine solidarische Nachbarschaft. Das ist ein guter Ansatz, der auch in Fällen von häuslicher und sexualisierter Gewalt hilfreich ist. Wichtig ist es, nicht wegzuschauen, sondern Zivilcourage zu zeigen und  z.B. Betroffenen Unterstützung anzubieten oder sich selbst über Hilfsangebote zu informieren. Auch Unterstützungspersonen können sich Hilfe holen und beraten lassen, wenn sie unsicher sind, wie sie Betroffene unterstützen können.

Adressen von Fachberatungsstellen bundesweit sind hier zu finden:

https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/hilfe-vor-ort.html

https://www.hilfeportal-missbrauch.de/nc/adressen/hilfe-in-ihrer-naehe/kartensuche.html

 

Außerdem stehen Hotlines für Betroffene und Bezugspersonen zur Verfügung, an die sie sich kostenfrei und bei Bedarf auch anonym wenden können:

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016; www.hilfetelefon.de

Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800-22 55 530; https://nina-info.de/hilfetelefon.html

Online-Beratung für Jugendliche: https://nina-info.de/save-me-online//

Gegen eine Instrumentalisierung durch Rechtspopulist*innen

Wir sind entsetzt und vor voller Trauer angesichts des rassistischen Anschlags von Hanau.

Rechte Gewalt tötet Menschen in unserer Mitte. Es ist vollkommen unerträglich, dass Personen, die nicht dem Bild der Mehrheitsgesellschaft entsprechen, Angst haben müssen. Die Antwort kann nur eine klare und eindeutige Gegenposition gegen diese Hetze sein, wo auch immer sie auftritt.

Auf keinen Fall lassen wir es zu, dass Populisten das Thema sexualisierte Gewalt funktionalisieren:

Gegen eine Instrumentalisierung durch Rechtspopulist*innen

Gemeinsame Stellungnahme von Verbänden und Fachberatungsstellen zu sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt

Gemeinsam mit unseren Kooperations- und Trägerverbänden BAG FORSA, bff und DGfPI hat die BKSF ein Positionspapier gegen die Instrumentalisierung der Themen geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt durch rechte Gruppierungen und Parteien verfasst. Wir halten diese Positionierung angesichts wachsender rassistischer Tendenzen in unserer Gesellschaft und einer Vereinnahmung dieser Themen durch rechtspopulistische und rechtsextreme Akteur*innen für überaus wichtig. Von dieser Seite wird immer wieder das Bild des "übergriffigen Fremden" bemüht, vor dem Frauen und Kinder geschützt werden müssen - anstatt anzuerkennen, dass sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt in allen Teilen der Gesellschaft ausgeübt und verschleiert werden.

In unserer gemeinsamen Stellungnahme stehen wir dafür ein, dass die Arbeit von Fachberatungsstellen gegen sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt unvereinbar ist mit rassistischen, reaktionären und antifeministischen Positionen: "Unser Einsatz für ein gewaltfreies Leben fußt auf demokratischen und humanistischen Werten. Wir stellen uns deswegen aktiv gegen alle menschenverachtenden und rassistischen Ideologien rechter und reaktionärer Gruppierungen und Parteien, denn sie führen zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt. Die Arbeit gegen Populismus und Rechtsextremismus und die Arbeit gegen sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt gehören untrennbar zusammen."

Presseerklärung

Gemeinsame Presseerklärung der Landesflüchtlingsräte und des Flüchtlingsrates Berlin
29.03.2019

Zur Kampagne von BMI, BAMF und CDU/CSU-Fraktion gegen die Flüchtlingsräte:
"Wir stellen uns gegen die Orbanisierung!"


Die Landesflüchtlingsräte weisen alle Versuche mit Nachdruck zurück, ihre Menschenrechtsarbeit zu kriminalisieren. Die Arbeit der Flüchtlingsräte ruht in allen Bundesländern auf einer breiten Unter-stützung durch Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände, Kinder- und Jugendhilfe, Arbeitsmarktakteure, Teilen der Politik und zahllosen Bürgerinitiativen. Die von BAMF-Leiter Sommer und den Mitgliedern der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Middelberg und Frei öffentlich erhobenen Unterstellungen angeblich rechtswidriger Aktivitäten und den Versuch ihrer Kriminalisierung per Gesetz weisen die Landesflüchtlingsräte entschieden zurück. Mit dieser Kampagne aus Unionskreisen werden einer Orbanisierung der Bundesrepublik Vorschub geleistet und bestehende Rückkehrrisiken in Afghanistan banalisiert.

Wir erinnern daran, dass Abschiebungstermine früher in der Regel von den Behörden selbst mitgeteilt wurden. Begründet wurde dies mit der Notwendigkeit, die Interessen der Betroffenen umfassend zu berücksichtigen und ihre Würde zu wahren. Erst mit dem 2015 in Kraft getretenen sog. „Asylkompromiss 1“ ist den zuständigen Behörden eine Ankündigung solcher Termine untersagt.

Nicht die Flüchtlingsräte, die ebenso wie die Seenotrettungsorganisationen 2015 gefeatured und gefeiert wurden, sondern die Politik der Bundesregierung und ihrer Verwaltungen hat sich geändert. Die Politik hat sich entschieden, nicht mehr Solidarität und Mitgefühl, sondern Feindseligkeit und Kriminalisierung gegenüber Geflüchteten und ihren Unterstützer*innen zur Richtschnur ihres Handelns zu erheben. Diese Politik – und nicht das Engagement der Landesflüchtlingsräte – gefährdet den Rechtsstaat.  Unter Führung von Bundesinnenminister Horst Seehofer schreitet die Orbanisierung der deutschen Politik voran.

Dazu passt, dass seit 2015 die Asylschutzquoten restriktiv nach unten korrigiert wurden. Lag diese für afghanische Flüchtlinge 2015 noch bei bereinigt 80%, so ist sie bis 2018 auf gerade einmal 50% abgesunken, obwohl der Krieg in Afghanistan 2018  mehr Tote einforderte, als in Jemen oder Syrien. Asylanträge mit Verweis auf angeblich sichere Gebiete abzulehnen und Abschiebungen nach Afghanistan zu forcieren ist zynisch. Den UNHCR Eligibility Guidelines  zufolge kommt Kabul beispielsweise generell als Schutzort für Betroffene nicht mehr in Betracht. Trotzdem will das BMI Abschiebungen nach Afghanistan ausweiten.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass ca. die Hälfte der negativen BAMF-Entscheidungen zu afghanischen Asylgesuchen von den Verwaltungsgerichten kassiert werden . „Anstatt gegen Flüchtlingsräte zu hetzen, sollte BAMF-Leiter Sommer dafür sorgen, dass seine Behörde wieder seriös arbeitet, Schutzsuchende zu ihrem Recht kommen und die Verwaltungsgerichte entlastet werden." fordert Nora Brezger von Flüchtlingsrat Berlin.

Vor Abschiebungen zu warnen bedeutet, dass einige wenige Geflüchtete noch die Gelegenheit wahr-nehmen können, ihre Rechte vor Behörden und Gerichten einzufordern. Das ist unabdingbar. Denn Familien auseinanderreißen, Schwangere und Kranke abschieben, Menschen aus der Ausbildung zu reißen - das sind keine Einzelfälle, das dokumentieren Landesflüchtlingsräte inzwischen als strukturelles, menschenrechtliches Problem.


Beratung durch die Flüchtlingsräte erfüllt eine wichtige Rolle im Rechtsstaat, indem Asylsuchende in jedem Stadium ihres Verfahrens über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt werden, während der Staat bei der praktischen Verwirklichung des effektiven Rechtsschutzes, eines Grundrechtes, häufig versagt oder sich unwillig zeigt. Mit dem Bekanntwerden von Abschiebungsterminen wird möglicherweise Betroffenen bewusst, dass sie eine letzte Chance haben zu prüfen, ob Rechtsmittel einzulegen sind.

Der Angriff aus der Union zielt auf die gesamte Beratungs- und Unterstützungsstruktur in Deutschland. Angesichts des o.g. bundesbehördlichen Versagens ist dieses zivilgesellschaftliche Engagement oft lebenserhaltend. Es würden sonst Kinder, Jugendliche und/oder Erwachsene abgeschoben, die Schutz brauchen und aufgrund von Fehlentscheidungen der Behörden dann in Abschiebeflieger gerieten.

Ein demokratischer Rechtsstaat muss es nicht nur tolerieren, sondern sogar fördern, dass seine Zivilgesellschaft in Form von Beratungsstellen, Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Flüchtlingsinitiativen helfen, falsche Behördenentscheidungen zu korrigieren und Menschen bei der Wahrnehmung ihrer elementaren Rechte unterstützen.


"Wir leisten humanitäre Arbeit im Einzelfall und organisieren den Protest gegen den Abschiebefuror der Behörden." so Nora Brezger, Sprecherin des Berlin Flüchtlingsrates. "Es ist ein Mythos, dass die Abschiebemaschinerie durch E-Mails, Posts, Tweets und das Benennen konkreter Termine ins Wanken gerät. Es geht uns um das demokratische Recht, in der Gesellschaft ein kritisches Bewusstsein für potenzielle Lebensgefährdungen von hierzulande Schutz Suchenden zu fördern.“ Deswegen arbeiten die Landesflüchtlingsräte eng vernetzt mit Bündnissen wie z.B. PRO ASYL, der Seebrücke, #unteilbar und We'll Come United.


Hintergrund:


§ 95 AufenthG-E: Strafvorschriften
In dem Referentenentwurf für das sogenannte „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ werden zwei neue Straftatbestände vorgeschlagen, die jeweils mit bis zu drei Jahren Haft oder Geldstrafe bestraft werden können.

Der erste neue Straftatbestand stellt es unter Strafe, die Vollziehung einer bestehenden Ausreisepflicht zu beeinträchtigen, indem man über geplante Maßnahmen zur Identitätsfeststellung ausreisepflichtiger Ausländer mit dem Ziel einer Behinderung derselben informiert (§ 95 Abs. 2 Nr. 3a AufenthG-E). Wie die Gesetzesbegründung erkennen lässt, wird hier den Beratungsstellen unterstellt, dass sie Tipps zur Verschleierung der Identität geben würden. Unabhängige Beratungsstellen erfüllen eine wichtige Funktion im Rechtsstaat, indem sie schutzsuchende Menschen über ihre Rechte und Pflichten aufklären. Insbesondere für Menschen aus anderen Ländern und Rechtssystemen, die dazu nicht die deutsche Sprache sprechen, ist dies sehr wichtig. Das zu Tage kommende Misstrauen des Bundesinnenministeriums gegenüber diesen Beratungsstellen ist äußerst problematisch. Die Formulierung ist zudem so unkonkret, dass selbst BeraterInnen, die ihre MandantInnen beraten und unter Umständen weitere rechtliche Schritte empfehlen, unter diesen Straftatbestand fallen könnten.

Zweitens soll die Veröffentlichung von Abschiebungsterminen unter Strafe gestellt werden (§ 95 Abs. 2 Nr. 3b AufenthG-E). Wie die Gesetzesbegründung präzisiert, bezieht sich dies zum Beispiel auf die Verbreitung der Information über Newsletter oder in den sozialen Medien. Die Veröffentlichung von Abschiebungsterminen dient verschiedenen legitimen Interessen. Zum einen bietet es potentiell betroffenen Menschen die Möglichkeit, sich rechtlichen Rat zu holen. Zum anderen sind Abschiebungen, insbesondere jene nach Afghanistan, Teil einer öffentlichen Debatte, die insbesondere durch die Veröffentlichungen angeregt wird.

Das Recht, Informationen zu erhalten und zu verbreiten, sowie die Pressefreiheit sind als Teil des Rechts auf Meinungsfreiheit durch Art. 5 Abs. 1 Grundgesetz, Art. 10 Abs. 1 EMRK und Art. 19 Abs. 2 IPBPR geschützt. Mit diesen Rechten und dahinterstehenden Interessen setzt sich das Bundesinnenministerium gar nicht erst auseinander. Die vorgesehenen Einschränkungen dieser Rechte wird mit der „Bewährung des Rechtsstaats“ und des „besonderen Unrechtsgehalts“ des unter Strafe gestellten Verhaltens begründet, außerdem könnte mit der Vorschrift die Weitergabe von vertraulichen Informationen verhindert werden – warum es sich dabei tatsächlich um vertrauliche Informationen handeln soll, wird nicht erläutert. Erforderlich wäre darüber hinaus schon nach ständiger Rechtspre-chung des EGMR eine Abwägung, bei der ein öffentliches Interesse an der Information, die vorhanden ist, ein entscheidendes Argument ist.  Der Spielraum von Staaten zur Beschränkung der Informationsfreiheit ist besonders eingegrenzt, wenn es um die Pressefreiheit geht, da der Presse eine besonders wichtige Rolle in einer Demokratie zukommt.  Angesichts des hohen öffentlichen Interesses z.B. an Abschiebungen nach Afghanistan und der Rolle der Medien bei der Veröffentlichung von Terminen von Abschiebungsflügen ist es nicht verhältnismäßig, eine Veröffentlichung dieser Information unter Strafe zu stellen. Auch würde es negative Auswirkungen auf das Demonstrationsrecht haben, da für einen Aufruf zur Demonstration gegen einen Abschiebeflug eben auch der Termin bekannt gegeben werden muss.

Die Vorschläge sind nicht nur als menschenrechtswidrig sondern auch politisch abzulehnen, da sie eindeutig das Ziel haben, eine engagierte Zivilgesellschaft zu kriminalisieren. Dies ist ein besorgniserregender internationaler Trend, der auch im jährlichen Bericht des UN-Sonderberichterstatters zu MenschenrechtsverteidigerInnen 2018 aufgegriffen wurde. Wie der Berichterstatter feststellt, werden UnterstützerInnen von geflüchteten Menschen zu-nehmend kriminalisiert, was auch einen „chilling effect“ haben kann, d.h. eine Abschreckungswirkung, die dazu führt, dass sich weniger Menschen in dem Bereich engagieren.  Dies lässt sich besonders auf die erste neue Strafvorschrift beziehen, da diese Regelung Menschen davon abhalten könnte, überhaupt erst mit einer Beratungstätigkeit anzufangen. Auch die Kriminalisierung von Whistleblowern problematisiert der Berichterstatter und empfiehlt, entsprechend die Meinungs- und Informationsfreiheit nicht einzuschränken.

Die vorgeschlagenen Strafvorschriften sind verfassungs- und menschenrechtswidrig und sind ersatzlos zu streichen.

Pressemitteilung

Pressemitteilung zum Urteil im Prozess um die Vergewaltigung einer 15-jährigen Messdienerin durch ihren Diakon

 

Am Donnerstag fand am Amtsgericht München die Urteilsverkündung im Prozess um einen Diakon statt, der auf einer Kirchenfahrt eine 15jährige Messdienerin vergewaltigt hatte. Der Mann wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Wir von Wildwasser Berlin, einem Verein, der sich seit mehr als 30 Jahren für Frauen* und Mädchen* einsetzt, die von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend betroffen sind oder waren, sind über diesen Richterspruch zutiefst entrüstet.

Zwei Jahre auf Bewährung für eine Vergewaltigung. Das ist nicht nur ein herber Schlag für das betroffene Mädchen, sondern trifft auch eine gesellschaftliche Aussage, die sexualisierte Gewalt bagatellisiert. Im Fall des Diakons kommt noch hinzu, dass er die Gewalt in Ausnutzung eines Vertrauensverhältnisses und seiner Verantwortung für die 15-Jährige ausübte.

Trotz aller wichtiger gesellschaftlicher Debatten um das Thema sexualisierte Gewalt und einem, auch durch die „Me too“-Kampagne erhöhten Problembewusstsein, zeigt dieses Urteil, dass es weiterhin einen Kampf für die Durchsetzung der Rechte von Betroffenen braucht.

Wir finden, dass das Recht von Kindern und Jugendlichen auf körperliche Unversehrtheit sich auch in gerichtlichen Urteilen wiederfinden muss.

Vergewaltigung wird so zu einer Bagatelle gemacht. Das ist ein Symptom der sogenannten Rape Culture, also einer Kultur, die sexualisierte Gewalt begünstigt, indem sie sie kleinredet, Ausreden und Entschuldigungen erfindet und Betroffenen die Richtigkeit ihrer Wahrnehmungen abspricht.

Wir als Wildwasser e.V. nehmen dieses Urteil als ein gesellschaftlich fatales Signal wahr, weil es keine Anerkennung für das Leid der Betroffenen gibt und sexualisierte Gewalt verharmlost.

Wir fordern die Sichtbarmachung und Anerkennung der Perspektiven und Rechte von Betroffenen in gerichtlichen Verfahren und setzen uns weiterhin für eine breite gesellschaftliche Debatte ein, die sexualisierte Gewalt als ein für ALLE relevantes Problem begreift und bereits dort ansetzt, wo Verharmlosung und Desinteresse sexualisierte Gewalt begünstigen.

 

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Wildwasser e.V. Berlin

Ansprechpartnerin Irina Stolz:

Email.: gf_stolz@wildwasser-berlin.de

Tel: 030-486 282 32

14. Todestag von Hatun Sürücü

Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung

c/o Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte

Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

 

Pressemitteilung      

                                                                                                         

14. Todestag von Hatun Sürücü

Mittwoch, den 07.02.2019, 14 Uhr

Oberlandgarten 1/ Ecke Oberlandstraße, 12099 Berlin-Tempelhof

 

Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung gedenkt der Opfer von Gewalttaten im Namen der Ehre

 

Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung ruft zum Gedenken an Hatun Sürücü sowie alle Opfer von Gewalt im Namen der Ehre auf.  Die Gedenkveranstaltung, zu der das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg einlädt, findet am 7. Februar 2019 um 14 Uhr am Gedenkstein für Hatun Sürücü (Oberlandgarten 1/Ecke Oberlandstraße in 12099 Berlin-Tempelhof) statt. Die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler wird  eine Rede zum Gedenken an Hatun Sürücü halten.

 

Am 7. Februar 2005 wurde Hatun Sürücü mit 23 Jahren von ihrem jüngeren Bruder auf offener Straße in Berlin-Tempelhof erschossen. Sie wollte ein freies und selbstbestimmtes Leben führen und hat damit bewusst gegen die strengen Regeln und tradierten Ehrvorstellungen ihrer Familie verstoßen. Hatun Sürücüs Schicksal steht für viele Mädchen und Frauen, die unter Gewalt im Namen der Ehre leiden. Sie leben in patriarchalisch geprägten Familien, in denen sie kontrolliert werden und in denen voreheliche Beziehungen verboten sind. Auch junge Männer sind betroffen, insbesondere wenn ihr Lebensentwurf nicht der heterosexuellen Norm entspricht. Homosexualität ist geächtet, die Jungfräulichkeit (der Frau) das höchste Gut und Grundvoraussetzung für das Ansehen  der ganzen Familie. Diese tradierten Werte kollidieren im Laufe des Erwachsenwerdens mit der Suche nach selbstbestimmten Lebenswelten und dem Erwachen der eigenen sexuellen Wünsche. Die daraus entstehenden Konflikte scheinen oft unlösbar. Bei Vielen enden sie mit einer Zwangsverheiratung, bei Manchen, wie im Falle Hatuns, mit einem „Ehren“-Mord. ... weiterlesen

Pressemitteilung: Wildwasser feiert 35-jähriges Jubiläum – Franziska Giffey gratuliert persönlich

Pressemitteilung:

 Wildwasser feiert 35-jähriges Jubiläum – Franziska Giffey gratuliert persönlich

Am 5. Oktober begeht Wildwasser e.V. Berlin sein 35-jähriges Jubiläum – und alle kommen. Besonders freuen wir uns über die Zusage von Dr. Franziska Giffey, persönlich ihre Grußworte zu überbringen und die Anerkennung, die  sowohl unsere Arbeit bei Wildwasser als auch das Thema sexualisierte Gewalt durch ihren Besuch erfahren. Außerdem werden Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Barbara König, Berliner Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sowie Sigrid Klebba, Staatssekretärin für Bildung, Jugend und Familie, das Wort an die Jubiläumsgesellschaft richten.

Und tatsächlich: in den vergangenen 35 Jahren ist Wildwasser von einer kleinen Selbsthilfeinitiative zu einem professionellen Träger mit einem ausdifferenzierten Angebot gewachsen – von A wie Anlaufstelle bis Z wie Zeuginnenbegleitprogramm reichen die Unterstützungsformen, die Betroffene heute bei uns finden. In unserer Geschichte haben wir immer wieder eine Vorreiterinnenrolle bei der Arbeit gegen sexualisierte Gewalt eingenommen und professionelle Standards für die Arbeit mit von Gewaltbetroffenen Menschen entwickelt.

Jährlich beraten wir bis zu 2.000 betroffene Mädchen, Frauen und Trans* sowie bis zu 800 unterstützende Personen in unseren drei Beratungsstellen.  Der Mädchennotdienst und die Wohngruppe Donya nehmen jährlich bis zu 90 Jugendliche auf, die nicht mehr zu Hause leben können. 23 geflüchtete Mädchen fanden im Jahr 2017 ein Zuhause in unseren Wohngruppen. Unsere Mitarbeiterinnen sprechen neun Sprachen, was für viele Betroffene den Zugang zu unserem Unterstützungsangebot und das Sprechen über das Erlebte erleichtert.

Neben der feierlichen Eröffnung werden wir bei unserer Jubiläumsfeier einen Raum für den Austausch zwischen Mitarbeiter*innen, externen Fachpersonen und Politik eröffnen und damit an eine wichtige Wildwasser-Tradition anknüpfen. Die einzelnen Bereiche des Vereins stellen sich vor und ermöglichen einen tieferen Einblick in die Arbeit von Wildwasser. In einem Worldcafé wollen wir die gesellschaftliche Debatte um sexualisierte Gewalt vorantreiben und das Thema unter verschiedenen Aspekten beleuchten. An den Thementischen wird zum Beispiel die Wichtigkeit des betroffenenkontrollierten Ansatzes oder der Umgang mit Mehrfachdiskriminierungen diskutiert.

Der Tag wird abgerundet durch ein anschließendes Bühnenprogramm im Südblock, wo durch die Künstler*innen FaulenzA, Lahya und Babsi Tollwut feministische Forderungen noch einmal eine andere Ausdrucksform finden. Denn: wir feiern 35 Jahre guter und wichtiger Arbeit – aber es gibt noch viel zu tun!

 

Kontakt: 

Irina Stolz,  Geschäftsführerin Wildwasser e.V.

030/48628232

gf_stolz@wildwasser-berlin.de

 

Dorothea Zimmermann, Geschäftsführerin Wildwasser e.V.

gf_zimmermann@wildwasser-berlin.de

Berliner EHS-Beratung zum "Fonds sexueller Missbrauch"

Beratung zum Fonds „Sexueller Missbrauch“ des ergänzenden Hilfesystems (EHS)

Betroffene von sexualisierter Gewalt in ihrer Kindheit und Jugend können beim Fonds „Sexueller Missbrauch“ einen Antrag stellen. Beantragt werden können Leistungen, die die Folgen der Gewalt lindern können. Die EHS-Beratung unterstützt und berät, wie ein Antrag gestellt werden kann und welche Voraussetzungen zu beachten sind.

Um einen Antrag stellen zu können, muss:

- die Gewalt in Deutschland (BRD oder DDR) vor dem 30. Juni 2013 geschehen sein,

- die betroffene Person muss minderjährig gewesen sein,

- und die gewaltausübende Person muss entweder aus dem (im weitesten Sinne) familiären Umfeld gestammt haben oder aber als Angestellter einer staatlichen Institution (Schule, Kindergarten etc.) aufsichtspflichtig gewesen sein.

Es können Leistungen wie Psychotherapien (auch solche, die die Krankenkasse nicht oder nicht mehr zahlt), Fortbildungen etc. beantragt werden. Pro Person beträgt die beantragbare Summe maximal 10.000 Euro. Prinzipiell ist alles beantragbar, was Folgen der Gewalt lindern kann.

Die EHS Beratungsstelle bei Wildwasser läuft zum 31.12.2019 aus. Es können selbstverständlich weiter Anträge gestellt werden, der Fonds ist entfristet. Unterstützung bei der Antragsstellung bieten ab dem 01.01.2020 für Personen unter 27 Jahre die Wildwasser Mädchenberatungen an, für Personen über 27 Jahre die Selbsthilfe und Beratung.

 


 Weitere Beratungsstellen bundesweit finden sich hier: http://www.fonds-missbrauch.de/?18

Gemeinsam gegen Gewalt - Integrierte Maßnahmenplanung

Endfassung der Integrierten Maßnahmenplanung, wie sie am 22.6.auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt und an die Fraktionen des Abgeordnetenhauses geschickt wurde.

PDF-Download

ichhabeangezeigt.org

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Sie haben als Betroffene_r Erfahrungen mit einem Strafverfahren? Welche Erfahrungen mit der Polizei, Gutachter_innen, dem Verfahren, der Gerichtsverhandlung und der Rechtsprechung haben Sie gemacht? Waren sie über Ihre Rechte informiert worden? Hatten sie Unterstützung durch eine Nebenklagevertretung oder psychosozialen Prozessbegleitung?

Ab sofort können Betroffene nach einer Anzeige von sexualisierter Gewalt ihre Erfahrungen mit der Polizei, Gutachter_innen, dem Verfahren, der Gerichtsverhandlung und der Rechtsprechung in einem Blog mitteilen. Zwei Mitglieder des Betroffenenrates, Renate Bühn und Dorina Kolbe, wollen mit dem Blog www.ichhabeangezeigt.org Betroffenen von sexualisierter Gewalt als Kind, Jugendliche_r oder als Erwachsene_r ein Forum bieten, ihre Erfahrungen und die Lücken unseres Rechtssystems sichtbar zu machen.

Eine repräsentative bundesweite Studie über den Umgang mit Sexualstraffällen bei der Polizei, den Staatsanwaltschaften und Strafgerichten ist notwendig. Die Blogbetreiberinnen wollen gemeinsam mit dem Betroffenenrat die Rückmeldungen dokumentieren und auswerten und damit öffentliche Aufmerksamkeit und politischen Handlungsdruck erzielen. 

ichhabeangezeigt.pdf

Betroffenenrat_Forderungskatalog_StGB_2016