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Wer sind die Täter?

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Wer sind die Täter?

Wildwasser- Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen e.V.

Dieser Tage hört und liest man überall: den Opfern von sexuellem Missbrauch soll Gehör geschenkt werden, sie sollen endlich ernst genommen werden, mit dem, was ihnen angetan wurde.

Wildwasser Berlin unterstützt jährlich über 1000 Frauen und Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren mussten. Hört man diesen Frauen und Mädchen tatsächlich mal zu, kann man auch viel über die Menschen erfahren, die ihnen die Gewalt angetan haben. Und diese Beschreibungen unterscheiden sich deutlich vom Bild der Täter in der aktuellen öffentlichen Diskussion. Denn in dieser spitzt sich die Betrachtung immer mehr auf den sogenannten „Pädophilen“ also einen Kranken, der für seine Neigung nichts kann, zu. Neben der sprachlichen Verwirrung, denn Pädophile lieben Kinder keineswegs, der Begriff „Pädokriminell“ scheint doch eher passend, bahnt sich hier ein großes Missverständnis an. Wenn von Pädophilen Tätern gesprochen wird, wird sich implizit auf den Diagnoseschlüssel ICD 10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) bezogen. Dieser versteht unter Pädophilie die: „Sexuelle Präferenz für Kinder, Jungen oder Mädchen oder Kinder beiderlei Geschlechts, die sich meist in der Vorpubertät oder in einem frühen Stadium der Pubertät befinden“. In der öffentlichen Diskussion wird diese Diagnose zunehmend verbunden mit dem Postulat, dass diese Störung im Kern unheilbar ist.

Die Beschreibungen der Täter und Täterinnen, von denen in den Beratungen gesprochen wird, unterscheiden sich deutlich von dem Bild des kranken Triebtäters. Meist sind es gesellschaftlich ganz unauffällige Männer und Frauen. Sie lebten und leben konventionelle Beziehungsmuster und Lebensweisen und in diesem Rahmen auch eine Sexualität mit anderen Erwachsenen. Oft sind Täter selbst die biologischen Väter der Kinder, beziehungsweise haben auch ansonsten leibliche Kinder. Sie sind verheiratet oder leben in langjährigen festen Beziehungen in gesellschaftlich akzeptierter Weise. Natürlich könnte man auch in Bezug auf diese Täter und Täterinnen diskutieren, ob sie nicht trotzdem, nur eben sehr gut versteckt, pädophil sein könnten. Vielleicht ist es aber an diesem Punkt sinnvoller, zu überlegen, welchen grundsätzlichen gesellschaftlichen Zweck es hat, auf Gewalttaten mit einer psychiatrischen Diagnose zu reagieren.

Die häufigsten Ursachen für den sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen scheinen doch woanders zu liegen. Fast alle beratenen Mädchen und Frauen berichten, von restriktiven Strukturen innerhalb der jeweiligen Familie und dem nahen Umfeld, die einen gleichberechtigten Umgang miteinander unmöglich machen. Häufig ist das Familiensystem autoritär aufgebaut, gepaart mit latenter oder offener Frauenverachtung. Konflikte werden nicht gelöst, sondern über Gewalt in unterschiedlichen Formen (körperliche, psychische und sexuelle Gewalt), ausagiert. Die Beziehungen innerhalb des Familiensystems sind geprägt von Besitzdenken (der Mann, der Besitzrechte gegenüber der Frau hat, die Eltern, die ein Besitzrecht gegenüber den Kindern haben). Immer berichten die betroffenen Mädchen und Frauen von einer Verschiebung von Verantwortung, die eigentlich die Erwachsenen den Kindern gegenüber haben sollten.

Dies ist also die Situation der Opfer, bewusst vom Täter, aber nicht nur von ihm, geschaffen: sie sind real in einer machtlosen Position, gleichzeitig wird ihnen aber suggeriert, sie wären für die Situation verantwortlich. Der Täter hat die vollkommene Macht über das Kind und genau darum geht es ihm. Das Bestreben, Macht auch über sexuelle Handlungen, sexuelle Gewalt auszuüben, darf nicht zum Fehlschluss führen, hier läge zwangläufig auch Pädophilie vor.

Das Bild des pädophilen Täters suggeriert, dass es sich bei diesen, ja kranken Menschen, um „Andere“, „Fremde“ handelt, deren Belange verhandelt werden können, ohne auch nur einen Blick auf die eigene Familie oder auf die eigene Institution werfen zu müssen. Da der Pädophile an sich ja nicht heilbar ist, muss sich im Sinne einer Verhinderung von sexuellem Missbrauch nur damit auseinandergesetzt werden, wie diese Kranken im Vorfeld erkannt werden können. Das jeweilige System, die Familie oder die Institution, mit Strukturen, die Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt erst möglich machen, muss so nicht unbedingt hinterfragt werden.

Der Pädophile, als pervers eingruppiert, kann leichter gesellschaftlich ausgegrenzt werden. In dieser Dynamik steckt zusätzlich die ganz große Gefahr, dass wiederum andere Menschen, die gesellschaftlich weniger akzeptierte Lebensformen für sich gewählte haben, in die Nähe von Tätern und Täterinnen gerückt werden. Dies geschieht z.B., wenn in der Diskussion über sexuellen Missbrauch an Jungen immer wieder auch über Homosexualität gesprochen wird.

Die eigentlichen Ursachen von sexuellem Missbrauch liegen nicht in individuellen Erkrankungen, sondern in Macht und Gewaltstrukturen, die vom Täter, von der Täterin benutzt werden. Und hier schließt sich der Kreis von den Missbrauchstaten in den Internaten und anderen Institutionen hin zu den Familien, in denen nach wie vor sexuelle Gewalt am häufigsten ausgeübt wird, und findet sich auch ein wichtiger Ausgangspunkt, um zukünftig sexuellen Missbrauch zu verhindern: gesellschaftliche und institutionelle Machtstrukturen müssen kontinuierlich reflektiert, kritisch hinterfragt und vor allem auch verändert werden.

Bleibt der Blick weiterhin hauptsächlich beim pädophilen Täter, dann verpassen wir wirkungsvolle Ansatzpunkte für die Prävention.

Kommen wir zum Anfang des Textes zurück: wenn es wirklich ein Anliegen ist, den Opfern zuzuhören, sie ernst zu nehmen und auch zukünftig sexuellen Missbrauch zu verhindern, dann ist es nötig das Bild vom Täter in der öffentlichen Diskussion zu revidieren!

Copyright: Martina Hävernick, Wildwasser Frauenselbsthilfe und Beratung

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